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"Gewaltentrennung im Sport"
Interview
30-10-2019


Interview: Revue (Stefan Kunzmann)

Revue: Herr Minister, beim Europa-League-Spiel F91 gegen Qarabag Agdam flog eine Drohne übers Spielfeld. Sie griffen zum Mikro und entschuldigten sich bei den Gästen. Hat Politik im Sport nicht verloren? Oder ist Sport nicht immer auch politisch?

Dan Kersch: Das hängt davon ab, wie man das als Staat bzw. Regierung angeht. Deren Aufgabe ist es, die Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen, über Begleitmaßnahmen zu entscheiden und sie zu finanzieren — die der Sport braucht. Andererseits sagen wir auch deutlich: Der Sport wird privat über die Vereine, die Verbände und über den COSL organisiert. Dabei gibt es eine strikte Trennung von Entscheidungen. Bei allen drei Genannten hat die Politik keine Entscheidungsgewalt. Wir haben eine klare Trennung zwischen Sport und Politik. Das ist ein sakrosanktes Prinzip, das es bei uns schon lange gibt. Dabei bleiben wir auch. Die Politik hat sich herauszuhalten. In allen anderen Ländern, wo das nicht funktioniert, sieht man, dass der Sport zunehmend für politische Zwecke missbraucht wird. Mit all den Resultaten, die wir kennen: vom Staat organisiertes Doping, Weißwäsche von Geldern, etc. Zu all dem kann es kommen, wenn es keine „Gewaltentrennung" im Sport gibt. 

Revue: Gilt diese Trennung auch, wenn die Nationalmannschaft spielt?

Dan Kersch: Natürlich gilt die. In manchen Ländern entscheidet der Minister, wer im Tor steht. In Luxemburg ist das nicht möglich. Eine National- oder Olympiamannschaft tritt unter der Fahne des nationalen Verbandes oder des COSL an.

Revue: Wer ist bei einem Fußball-Match für die Sicherheit zuständig?

Dan Kersch: Im Prinzip der Organisator. Wenn die Fußballnationalelf spielt, ist es die FLE Und wenn ein Verein spielt, dann dieser unter den jeweiligen Auflagen der UEFA oder FIFA. Nur wenn die Situation eskaliert und es zu Krawallen kommt, die der Sicherheitsdienst des Organisators nicht mehr im Griff hat, gerät die Polizei mit ins Spiel. Grundsätzlich ist es innerhalb des Stadions der Veranstalter und außerhalb davon die öffentliche Macht.

Revue: Warum haben Sie dann beim F91-Spiel gegen Qarabag eingegriffen?

Dan Kersch: Ich griff ein, weil neben mir der Botschafter von Aserbaidschan aufsprang und von einem Skandal sprach. Anfangs wusste niemand auf der Ehrentribüne, um welche Fahne es sich handelte. Zuerst dachten wir, es sei die aserbaidschanische. Dann fanden wir heraus, dass es sich um eine Fahne der Region Bergkarabach handelte, um die sich Armenien und Aserbaidschan streiten. Die meisten Luxemburger, die sich im Stadion befanden, verstanden das überhaupt nicht. Ich will den politischen Konflikt zwischen den beiden Staaten nicht bewerten. Hier wurde aber die Auseinandersetzung auf das Gebiet eines Landes übertragen, das damit überhaupt nichts zu tun hat. Das ist in meinen Augen inakzeptabel. Die sollen ihre politischen Differenzen bei sich zu Hause austragen und nicht bei uns. Es bleibt aber die Tatsache, dass es eine Provokation gegen; über einer für unsere Verhältnisse großen Zahl von ausländischen Fans war, was nicht zu akzeptieren ist. Deshalb entschuldigte ich mich im Namen der luxemburgischen Regierung, dass wir es nicht fertiggebracht hatten, dies zu verhindern. Ich beruhigte den Botschafter und schlug ihm vor, gemeinsam mit der Mannschaft zu reden. Das tat ich nicht zuletzt, um zu deeskalieren, weil wir in diesem Moment nicht wussten, ob noch etwas nachkommen würde und wie die Zuschauer reagieren würden.

Revue: Welche Konsequenzen werden aus dem Vorfall gezogen?

Dan Kersch: Es ist immens schwer, sich dagegen zu wehren. Vor allem, wenn die Drohne von außen gesteuert wird. Ich sprach bereits mit dem Polizeiminister über ein Drohnenflugverbot über dem Stadion bei internationalen Spielen. Das ist eine Möglichkeit, die wir überprüfen. Wer aber derart politisch provozieren möchte, lässt sich nicht von einem solchen Verbot abschrecken. So naiv sind wir nicht, das zu glauben. Darüber hinaus gibt es technische Lösungen, eine Drohne herunter zu holen. Das hat wiederum Einfluss zum Beispiel auf die Sicherheit von Flugzeugen.

Revue: Es gab Fälle, in denen sich Sportler von Politikern für deren Zwecke einspannen ließen. Zum Beispiel die Spieler der türkischen Fußballnationalelf, die aus Solidarität mit der Armee ihres Landes militärisch gegrüßt haben.

Dan Kersch: Ich will mich nicht über Erdogans Politik auslassen, darüber habe ich meine ganz persönliche Meinung. Darum geht es nicht. Ich finde, dass es einem Sportler überlassen bleibt, eine politische Meinung zu haben und diese auch auszudrücken. Das ist das Eine. Etwas Anderes ist es, wenn es auf einem sportlichen Terrain geschieht. Auf diesem haben politische Äußerungen nichts zu suchen. Diese Regel haben die türkischen Nationalspieler offensichtlich verletzt. Das muss sanktioniert werden. Jeder Sportler muss wissen, ob ihm eine politische Aussage so viel wert ist, die Verletzung der sportlichen Regeln in Kauf zu nehmen. Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Noch heute sprechen wir von den amerikanischen Sportlern, die 1968 in Mexiko gegen die Rassendiskriminierung in den USA protestiert haben.

Revue: Sie meinen die beiden US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos.

Dan Kersch: Es hängt immer von der individuellen Entscheidung des Sportlers ah Wenn es eine ganze Mannschaft ist, die unter „garde à vue" steht, wie im Falle der türkischen, dann frage ich mich, ob das der freie Wille von jedem Einzelnen oder ob es nicht organisiert ' war. Da fängt es an, problematisch zu werden. Dann müssen die Sportler auch gilt Konsequenzen rechnen.

Revue: Smith und Carlos mussten damals das Olympiadorf verlassen und wurden verfemt. Sind wir seither weitergekommen?

Dan Kersch: Ich glaube nicht, dass wir weitergekommen sind. Im Gegenteil. Bei den genannten US-Sportlern handelte es sich um eine Form der freien Meinungsäußerung. Sie wollten ein Zeichen setzen. Im Fall der türkischen Nationalelf hingegen habe ich den Eindruck, dass ein politischer Druck von oben bestand. Daher stellt sich die Frage, ob die Nationalisierung im Sport und die Bedeutung der Medaillenspiegel nicht langfristig dazu führt, den Sport kaputt zu machen. Schauen wir uns die letzte Leichtathletik-WM an...

Revue: ... die auch wegen des Veranstaltungsorts Doha umstritten war...

Dan Kersch: ... und wo zahlreiche Sportler, vor allem russische, wegen der ganzen Dopinggeschichte unter neutraler Flagge an den Start gingen. Mich störte das überhaupt nicht. Vielleicht sollten wir dazu übergehen, dass alle unter neutralem Statut teilnehmen. Ich habe schon immer gesagt, und bin dafür häufig kritisiert worden, dass die portugiesischen Fans, die nach einem Sieg ihres Fußballteams auf die Straße gehen, nicht nur die Sympathie für ihre Mannschaft zeigen, sondern auch gegenüber den anderen Menschen hier im Land, dass sie sich nicht richtig integriert fühlen. Das ist problematisch.

Revue: Sport muss unpolitisch sein, so lOC-Präsident Thomas Bach. Eine Illusion?

Dan Kersch: Ja. Was die Nationalisierung angeht, ist es nicht der Sport, der diese vorantreibt, sondern die internationale Entwicklung. Dafür gibt es politisch Verantwortliche. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzten wir auf Multilateralität und eine Logik des „Never again". Es wurden Organisationen wie die UNO gegründet. Heute stellen wir wieder das Gegenteil fest und setzen große Länder auf Unilateralität. Das wirkt sich auch auf den Sport aus. Die nationalistische Tendenz ist auf die politische Entwicklung zurückzuführen und nicht umgekehrt. Die Türkei zum Beispiel setzt nach dem guten alten Ostblock-Modell auf den Sport, um sich internationale Anerkennung zu verschaffen. Das ist ganz klar eine politische Vorgabe. In der Türkei wurde in den vergangenen Jahren massiv in den Sport investiert, um zu glänzen. Katar, das eine ganze Handballnationalmannschaft gekauft hat, ist ein anderes Beispiel. Sport wird benutzt, um sich darzustellen.

Revue: Große Sportevents finden zunehmend in autoritären Staaten statt.

Dan Kersch: Das Problem ist komplexer. Zunächst stellt sich die Frage, wer überhaupt bewertet, was ein autoritärer Staat ist. Das demokratische Modell, das wir als Standard ansehen, wird auch in der EU zunehmend in Frage gestellt. Zweitens: Wo nehmen wir also das Recht her, anderen zu sagen, was die demokratischen Kriterien sind. Drittens: Vielleicht stärkt die Ausrichtung der Events in Ländern, die nicht diesen Standards entsprechen, die Demokratiebewegungen in diesen Ländern. Ich weiß, dass dies immer wieder vorgebracht wird und oft als Entschuldigung dient.

Revue: Der heutige lOC-Chef Bach sagte das bereits 2008 vor Peking.

Dan Kersch: Und war das falsch, die Spiele in Peking zu veranstalten? Oder war es richtig, sie 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles zu machen? Sind die USA heute ein Musterbeispiel der Demokratie? Heute darf man sich die Frage stellen, ob es gut ist, eine luxemburgische Handballmannschaft nach Ungarn zu schicken. Oder nach Italien. Dann sollten wir auch über Tourismus reden: Wäre es noch angebracht, nach Italien in den Urlaub zu fahren, wenn dort ein Faschist an der Macht wäre?